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44/2018
 

Denn du, Herr, bist gut und gnädig, von großer Güte allen, die dich anrufen.

Psalm 86,5

Dieses Datum wird Kevins Vater nie vergessen: Heute vor einem Jahr wäre er fast gestorben. Seine Frau arbeitete im Nachtdienst, er war mit seinen beiden kleinen Kindern allein, als er einen Herzanfall bekam und zusammenbrach. Der fünfjährige Kevin wollte Hilfe holen. In seiner Not radelte er los durch Nacht und Wind. Eiskalter Regen durchnässte ihn bis auf die Haut, er trug ja nur Sandalen und den Schlafanzug unter dem dünnen Mantel! Nach drei Kilometern hielt ein Autofahrer neben ihm und nahm den zitternden Jungen erst einmal ins Warme. Der Junge weinte so verzweifelt, dass er weder seinen Namen noch die Adresse nennen konnte. Immerhin kannte er seinen Wohnort. Der Bürgermeister des Ortes wurde alarmiert und fand die Wohnung der Familie. So konnte der bewusstlose Vater in die Klinik gebracht werden, gerade noch rechtzeitig. Der waghalsige Einsatz seines kleinen Sohnes hatte ihm das Leben gerettet (der Bericht ist nachzulesen auf Stern online, 9.1.2016).

Was hat Kevin gefühlt? Liebe, Angst, Sorge? Die Mutter arbeitete zwölf Kilometer entfernt, draußen war es dunkel und nass. Auf der winterkalten Straße spiegelten sich die Lichter der entgegenkommenden Autos, blendeten ihn, steigerten noch seine Furcht. War er erleichtert, als sich endlich einer erbarmte und ihm Hilfe anbot? Ich frage mich: Gab es dort in Westfrankreich keine Nachbarn, die er rufen konnte? Wusste er vielleicht noch nicht, wie man telefoniert? Oder hatte er das alles in seiner Panik vergessen und stürmte einfach drauflos?

An dieser Stelle wird mir bewusst: Ich habe Nachbarn und Freunde, die ich um Hilfe bitten kann. Ich weiß, wie man telefoniert. Vor allem habe ich schon oft erfahren, dass ein Gebet echte Hilfe bringt. Da muss ich nicht erst den „Bürgermeister“ aus dem Bett klingeln, ich werde sofort mit dem „Chefbüro“ verbunden. Bei meinem Vater im Himmel kann ich mein Herz ausschütten, und wenn mir vor lauter Schluchzen die rechten Worte fehlen, dann weiß er längst, was mich bedrückt und mir Angst macht. Auch wenn ich vor Tränen blind keine Handytastatur bedienen könnte, landet mein „Anruf“ immer an der kompetenten Stelle!
„Warum machst du dir Sorgen, wo du doch beten kannst und damit alles, was dich umtreibt, aus deinem Herzen bannst ... wo Gott doch bei dir ist?“ (glaubenhoffensingen 122)

Sylvia Renz


© Advent-Verlag Lüneburg


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