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07/2019
 

Urteilt nicht über andere, damit Gott euch nicht verurteilt. Denn so wie ihr jetzt andere
richtet, werdet auch ihr gerichtet werden.

Matthäus 7,1–2 (Hoffnung für alle)


Als Engländer ist es für mich immer wieder eine Freude, das englische Theater in meiner Nähe zu besuchen. Als ich beim letzten Besuch den Titel „Die zwölf Geschworenen“ und die
Beschreibung dazu las, vermutete ich, dass es kein sehr aufregender Abend werden würde. Der Bühnenaufbau: ein Raum, zwölf Personen, zwölf Stühle, ein langer Tisch und ein defekter
Ventilator. Meine Frau und ich begannen aber, das Geschehen mit zunehmender Spannung zu verfolgen. Das Stück handelt von einem 16-jährigen Jungen, dem zur Last gelegt wird, seinen Vater
ermordet zu haben. Ein Schuldspruch würde die Todesstrafe zur Folge haben. Die Geschworenen beraten an einem schwülen Sommertag, im Raum ist es stickig, folglich fällt die Entscheidung
zügig. Sie fällt den Geschworenen auch nicht schwer. Der Junge kommt aus einem sozialen Brennpunkt, ist der Polizei bekannt und hat kurz zuvor ein entsprechendes Messer erworben.
Folglich wird er schuldig gesprochen.

Nur einer der Geschworenen ist sich nicht sicher. Die elf wollen schnell ihren Schuldspruch verkünden, um nach Hause gehen zu können. Dieser Geschworene beginnt jedoch, alle Indizien
detailliert durchzugehen. Im Verlauf der Diskussion ändert ein Geschworener nach dem anderen seine Meinung, bis alle schließlich einstimmig das genau gegenteilige Urteil fällen: nicht schuldig.
Mit Interesse verfolgten wir den spannenden Vorgang, wie nach und nach die Beteiligten ihren dass, ihre Vorurteile oder sogar Rachegefühle dem jungen Mann gegenüber ablegten. Nach und
nach wurde allen bewusst, dass der Junge die Tat wohl kaum begangen haben konnte.

Ich verließ das Theater innerlich aufgewühlt, stellte sich mir doch die Frage, wie das bei uns als Christen ist. Wie oft „verurteilen“ wir unsere Mitmenschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres
Aussehens oder ihrer Geschichte? Es kann viele Gründe geben, über jemanden schlecht zu denken oder vorschnell zu urteilen. Mit gutem Grund sagte Jesus, dass wir nicht über andere urteilen
sollen.

Er kennt und liebt uns alle, aber anstatt uns abzuurteilen, ist er für uns gestorben und hat unsere Schuld auf sich genommen. Damit wir leben können.

Martin Grundy




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