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25/2017
 

Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

Lukas 15,20

Die schönste Liebesgeschichte der Bibel: das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Mit dieser Geschichte reagiert Jesus auf den Vorwurf seiner frommen Zeitgenossen: Sie „murrten und sprachen: ,Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen‘“ (Lk 15,2). Damit verstieß Jesus gegen religiöse Vorschriften seiner Zeit; denn es war einem gläubigen Juden nicht erlaubt, einen Nichtjuden zu besuchen oder mit ihm Tischgemeinschaft zu haben (siehe Apg 10). Zu damaligen Zeiten gab es geordnete und eindeutige religiöse Vorstellungen: Der Gute wird belohnt, der Böse wird bestraft. Von Gott geliebt ist der Fromme, der „Gerechte“, der das Gesetz achtet und alle Vorschriften erfüllt.

Der Rabbi aus Nazareth brachte Unordnung in diese klare Struktur, er verkündete einen menschlichen Gott. Gott als liebender Vater - das war eine völlig neue Sicht, ein komplett anderes Gottesbild. Unwürdig, wie ein Vater sein Gewand rafft und seinem missratenen Sohn entgegenrennt, statt gemessenen Schrittes vor sich hin zu schreiten!

Die Pharisäer und Schriftgelehrten werden dargestellt durch den älteren Sohn, von dem es heißt: „Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.“ (Lk 15,28) Er ärgerte sich über die Ungerechtigkeit des Vaters, der den „Verlorenen“ umarmte und für ihn ein Fest feierte, ja sogar das gemästete Kalb schlachten ließ, statt ihm die verdiente Strafpredigt zu halten.

Ja, Gott ist ungerecht, weil er gnädig ist. Und weil er Erbarmen hat (im Grundtext steht in Lukas 15,20: „Sein Vater sah ihn und empfand Erbarmen“), weil er uns nicht gibt, was wir verdient haben, sondern uns rettet und uns eine neue Perspektive schenkt. Gott ist uns ganz nah, sagt Jesus, Gott ist ein Vater, der sein Kind liebhat, der es in die Arme schließt.

Unser Gottesbild wird von unserem Vaterbild geprägt. Aus diesem Grund fällt es manchen schwer, sich Gott als liebenden Vater vorzustellen, weil sie von ihrem eigenen Vater verletzt wurden oder weil sie ihren Vater gar nicht kannten. Das Bild vom himmlischen Vater ist ein Idealbild, ein Bild der grenzenlosen Liebe, ein Bild von Gott: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1 Joh 4,16)

Heidemarie Klingeberg


© Advent-Verlag Lüneburg


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