You are here: Andacht der Woche  

51/2016
 

Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

Römer 12,18

Ist es möglich, mit jedermann in Frieden zu leben? Vermutlich lautet deine Antwort: Nein! Das ist auch meine Erfahrung.

Keine Frage, dass der Apostel Paulus den Idealfall vor Augen hatte, denn er riet:
„... habt mit allen Menschen Frieden.“ Aber Paulus war nicht naiv genug zu meinen, dass sei immer möglich. Frieden kann es nur geben, wenn ihn beide Partner wollen. „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, heißt es in Schillers „Wilhelm Tell“. Wenn einer den Frieden nicht will, rennt der andere gegen eine Wand.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass durchaus nicht immer meine Mitmenschen schuld am Unfrieden sind. Wie oft habe ich selber die Lunte am Pulverfass zum Glimmen gebracht! Die Einschränkung in unserem Text: „Ist's möglich“ zeigt, dass Friede zwar nicht immer und überall zu erreichen, aber zumindest anzustreben ist. Und die Wendung „soviel an euch liegt“ macht deutlich, dass der Friede nur dann eine Chance hat, wenn ich ihn will. Für das Verhalten meines Widersachers bin ich nicht verantwortlich, wohl aber für mein eigenes. Und wenn ich dieser Verantwortung gemäß handle, ist die halbe Wegstrecke geschafft.

Ich denke allerdings nicht, dass Paulus in seinem Aufruf zwischenmenschlichen Frieden um jeden Preis meinte. Christsein darf nicht verwechselt werden mit lässiger Toleranz gegenüber allem und jedem - sozusagen um des „lieben Friedens willen“. Insofern gibt es auch im Leben eines Christen immer wieder Zeiten des Kampfes. Die Frage ist, welcher Mittel wir uns dabei bedienen. Grundsätzlich gilt, dass Christen dem Frieden verpflichtet sind und in dieser Hinsicht immer wieder Zeichen setzen sollen.

Irgendwo las ich: Vor einem Angriff tritt der Offizier vor die Truppe und sagt pathetisch: „Soldaten, jetzt geht es Mann gegen Mann!" Darauf ein Soldat: „Zeigen Sie mir bitte meinen Mann! Vielleicht kann ich mich gütlich mit ihm einigen.“

Gerade in der heutigen Kriegsführung ist das nicht möglich; aber die Geschichte veranschaulicht das Prinzip. Es ist zumindest einen Versuch wert, es umzusetzen.

Günther Hampel


© Advent-Verlag Lüneburg


35-37/2016 | 26/2015