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36/2015
 

Jesus sprach: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“

Markus 2,27

„Lieber Herr Klingeberg, ich habe erkannt, dass der Sabbat der biblische Ruhetag ist, und ich möchte ihn gern halten. Können Sie mir bitte mitteilen, welchen Ritus ich dabei zu beachten habe?“

Die Frage überraschte mich; vor allem aber machte sie mich irgendwie traurig. Da hatte jemand eines der beiden Geschenke aus paradiesischen Zeiten entdeckt, nahm es freudig an – und verlangte sozusagen eine Gebrauchsanweisung, um bei der praktischen Durchführung dieses Tages nur ja keine Fehler zu machen. Typisch deutsch? Typisch katholisch? Nein.

Wir sind einfach so. Wir möchten möglichst alles richtig machen; und die Balance zwischen Leistung und Gegenleistung muss stimmen, damit wir zufrieden sein können. Das gilt im täglichen Leben und im beruflichen Alltag, vor allem aber in unserer Beziehung zu Gott. Und manchen bringt's schier zur Verzweiflung, dass gerade da diese Rechnung nicht aufgeht. Erlösung geschenkt? Das kann doch nicht sein. Da muss ich doch was tun, oder? Gott soll mit mir zufrieden sein, und das gilt insbesondere für seinen besonderen Tag.

Auf einmal verstehe ich die Frage nach dem richtigen Ritus sehr gut. Was ist erlaubt, und was ist verboten? Und was darf auf keinen Fall fehlen am göttlichen Ruhetag, damit der Schöpfer seine Freude hat? Darum geht's, immer wieder – und der Herr bleibt uns die Antwort schuldig. Er hat keine Liste für uns, keine Gebrauchsanweisung – außer, dass wir nicht arbeiten sollen (2 Mo 20,10). Da ist eine große Portion Segen und Zuwendung – und wir dürfen sie auf der ganzen Linie genießen. Es ist sein Tag, 24 Stunden unter seinem besonderen Segen, und gleichzeitig sein Geschenk an uns – jede Woche neu. Der „Tag des Herrn“, aber für den Menschen gemacht (Mk 2,27).

Und weil er selbst der Gott der Freiheit ist, traut er auch uns die Freiheit zu, im Bewusstsein dieser beiden Orientierungspunkte gleichermaßen verantwortungsvoll und fröhlich mit diesem besonderen Geschenk umzugehen.

Weil er es von Herzen gut meint mit uns, dürfen wir es auch heute wieder freudig aus seiner Hand nehmen und mit allen Sinnen genießen – als Erinnerung an das Paradies und die Befreiung von der Sünde (2 Mo 20,11; 5 Mo 5,15) und als Vorgeschmack der Ewigkeit mitten in dieser Welt. Was für ein Geschenk!

Friedhelm Klingeberg


© Advent-Verlag Lüneburg


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