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47/2014
 

Wenn ihr denen vergebt, die euch Böses angetan haben, wird euer himmlischer Vater euch auch vergeben.

Matthäus 6,14 (Neues Leben Bibel)

Am 20. Juli 2011 wurde Mark Stroman in den Exekutionsraum der Haftanstalt in Huntsville (Texas) gebracht. Er sollte hingerichtet werden, weil er im Herbst 2001 zwei Männer in Dallas erschossen hatte. Ein drittes Opfer namens Rais Bhuiyan überlebte nur knapp. Nach vielen Operationen stecken immer noch 35 Schrotkugeln in seinem Kopf, und auf einem Auge ist er blind. Rais hätte allen Grund, Mark Stroman zu hassen. Er hat seine Gesundheit, sein gutes Aussehen, seinen Job verloren. Seine Braut trennte sich von ihm.

Rais musste einen Grund zum Weiterleben finden. Und den fand er, als er seinem Peiniger gemäß dem Rat Jesu (der keine Einschränkungen hat) vergab. Nicht nur das: Er nahm sich vor, Mark Stroman zu retten. Dazu begann er einen Feldzug gegen die Todesstrafe. Er reiste in der ganzen Welt umher und sammelte Unterschriften. Dann kam ein Brief aus Deutschland. Stromans Brieffreundin schrieb, dass der Mörder inzwischen seine Tat bitter bereut hätte. Doch alle Proteste, Rechtsmittel und Gnadengesuche blieben erfolglos. Das Urteil wurde vollstreckt. Eine Niederlage? Oder trotzdem ein Sieg über die Spirale der Gewalt? Als man Stroman auf der Pritsche festgeschnallt hatte, sagte er: „Ich bin nur ein paar Sekunden vom Tod entfernt, und in mir ist Frieden.“ Dann bat er Jesus: „Bleib bei mir!“

Was hatte diesen brutalen Mörder so verwandelt? Das Zauberwort heißt Vergebung. Nur die Gnade Gottes vermag ein hartes Herz zu schmelzen. Dass sich ein Opfer dafür einsetzt, den Täter zu retten, lässt wohl niemand kalt. Durch den persönlichen Kontakt mit seinem Opfer Rais begriff Mark Stroman, dass Liebe viel stärker ist als Hass. Das veränderte ihn. Er lernte, die Gnade weiterzugeben, die er selbst erfahren hatte. Er wurde ein liebevoller Mensch, der seinen Freunden im Gefängnis Trost und Halt geben konnte.

Auch wir gehören eigentlich in eine Todeszelle. Wir haben wahrscheinlich niemanden erschossen, und doch haben wir durch lieblose Worte und Taten Andere verletzt und geschädigt, was ähnlich schlimm ist (siehe Mt 5,21–22). Das hat Gott Schande und Kummer bereitet. Doch er hat seinen Feinden die Hand zur Versöhnung hingestreckt, hat seinen geliebten Sohn für uns geopfert (Röm 5,10). Wir dürfen seine Vergebung in Anspruch nehmen und im Frieden leben, wenn wir auch Anderen ihre Schuld vergeben.

Sylvia Renz


© Advent-Verlag Lüneburg


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