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23/2014
 

So sollst du nun den HERRN, deinen Gott, lieben und sein Gesetz, seine Ordnungen, seine Rechte und seine Gebote halten dein Leben lang.

5. Mose 11,1

In den 1980er-Jahren wurde in einer Zeitschrift unter dem Titel „Einweisung in die Freiheit“ eine Artikelfolge über die Zehn Gebote veröffentlicht. Die Zehn Gebote und Freiheit, wie soll das zusammenpassen?

Täglich wird unser Leben reglementiert, eingeengt und beschnitten von Vorschriften. Keine Frage: Im Interesse des Zusammenlebens kann die Freiheit des Einzelnen nicht grenzenlos sein. In manchen Ländern bleibt dabei für freie Lebensgestaltung nur ein geringer Spielraum. Manche befürchten, der Mensch könne irgendwann zu einer Nummer werden, die man aufruft, dirigiert, einplant und verwaltet. Hinzu kommt die Diktatur der ungeschriebenen Gesetze, die Herrschaft des „Man tut!“ oder „Man tut nicht!“ und der Zwang zur Anpassung. Sollten wir uns nun auch noch von den Geboten Gottes einengen lassen?

Die Grunderfahrung, von der die Bibel spricht, ist die Erfahrung von der Befreiung des Menschen. Am Anfang der Geschichte Israels steht die Befreiung eines unterdrückten Volkes. Gott beauftragte Mose, die unterdrückten Israeliten aus der Knechtschaft zu führen. Daran erinnerte sie stets die Einleitung der Zehn Gebote (2 Mo 20,2).

Ausbeutung von Menschen durch Menschen soll nicht sein, dennoch bleibt es auch in unserer Zeit die bittere Erfahrung von Millionen. Nicht ohne Grund haben die afro-amerikanischen Sklaven in der Befreiung Israels das Vorbild ihrer eigenen Geschichte gesehen. In einem Spiritual heißt es: „Let My People Go!“ Das ist die wörtliche Wiedergabe der Forderung, die Mose dem ägyptischen Herrscher vor dreieinhalb Jahrtausenden überbrachte: „Lass mein Volk ziehen!“

Nachdem Israel Ägypten verlassen hatte, machte Gott sein Volk am Sinai mit der Ordnung bekannt, die ihr Leben bestimmen sollte. Obwohl auch diese Gesetzgebung es mit Vorschriften und Verpflichtungen zu tun hatte, wollte Gott sie nicht als Gesetzesreligion verstanden wissen. Seine Gebote und sein Wille werden allerdings bis heute nur dann richtig verstanden, wenn man sie als Wegweisung in die Freiheit, als Lebenshilfe und als Zeichen der Zuwendung Gottes zum Menschen begreift. Gott ist kein Zwingherr, sondern der Befreier.

Einweisung in die rechte Freiheit – das ist der Sinn der Gebote Gottes.

Günther Hampel


© Advent-Verlag Lüneburg


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