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02/2013
 

Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht.

Psalm 62,9

Nur sechs Minuten dauert ein durchschnittliches Gespräch mit einem Arzt in Deutschland. Dabei wird der Patient bereits nach 30 Sekunden das erste Mal unterbrochen, wenn er seine Beschwerden schildert. So berichtete kürzlich die Apotheken-Umschau.
Sechs Minuten - das ist wenig Zeit, um den Gesundheitszustand eines Menschen einzuschätzen und sich für die passende Therapie zu entscheiden. Auf der anderen Seite: Was kann man nicht alles in sechs Minuten über sich erzählen bzw. über einen Anderen erfahren? Die Tagesschau in 100 Sekunden (im Internet) benötigt nicht einmal zwei Minuten, um uns über das Wichtigste im Weltgeschehen zu informieren.

Mir ist keine Statistik bekannt, die über die Länge von Gebeten Auskunft gibt, die im Gottesdienst oder in der Stille gesprochen werden. Für das Vaterunser benötigt man gerade einmal 30 Sekunden - und doch ist dieses „Mustergebet“ Jesu mit seinen sechs Bitten und dem abschließenden Lobpreis inhaltsreich und bedeutungsvoll.

In seiner Bergpredigt tadelte Jesus diejenigen, die meinen, sie würden erhört, wenn sie viele Worte machen (Mt 6,7). Bei Gott kommt es nicht auf die Länge der Gebete an, ebenso wenig auf geschliffene Ausdrucksweise oder sprachliche Schönheit. Wie ein guter Arzt hört er aus unseren Worten, was uns fehlt, und liest zwischen den Zeilen, was uns bedrückt. Als erfahrener Therapeut weiß er, was wir brauchen - schon bevor wir es ihm sagen. Und doch möchte er, dass wir aussprechen, was uns bewegt. Er hat genau das, was nicht nur Ärzten häufig fehlt: Zeit zum geduldigen Zuhören - ohne den Anderen zu unterbrechen.

David wusste um Gottes Bereitschaft zu hören und zu helfen. Deshalb rief er dazu auf: „Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus.“ Gott schaut nicht verstohlen auf die Uhr, weil das Wartezimmer voll oder seine Konzentration am Ende wäre. Er ist immer für uns da!


Wir selbst sind es, die häufig keine Zeit haben, um in Ruhe mit Gott zu sprechen - geschweige denn in der Stille auf eine Antwort zu warten. Beim Gebet am Morgen oder am Abend erscheinen uns schon wenige Minuten als lang. Dabei kann uns nichts besser auf den heutigen Tag oder die Nacht vorbereiten, als Zeit mit Gott zu verbringen, ihm das Herz zu öffnen und auf seinen Rat zu hören.

Rolf J. Pöhler


© Advent-Verlag Lüneburg


41/2012 | 01/2013