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33/2020
 

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige!

Jesaja 43,18


Kennst du das auch? Dir ist ein kleines Missgeschick unterlaufen, vielleicht auch ein schlimmerer Fehler. Und noch Jahre später wird dir das vorgehalten! Als kleiner Junge ließ ich meinen Schal in der Straßenbahn liegen – und noch heute ermahnt mich meine Mutter manchmal, wenn ich die elterliche Wohnung verlasse: „Und vergiss nicht wieder deinen Schal in der Bahn!„

So verblüfft mich die Aufforderung Jesajas, nicht an das Frühere zu denken. Denn gewohnt sind wir doch im Gegenteil, dass wir immer wieder gedenken, uns also erinnern sollen: daran, dass die Israeliten Knechte waren in Ägypten, an ihren Auszug aus Ägypten, an die Zehn Gebote und, ja, auch an vierzig Jahre Wüstenwanderung.

Doch dieser Text bricht mit der Gewohnheit des Erinnerns. Was war passiert? Eine fremde Macht hatte das Land eingenommen, Jerusalem und der Tempel waren zerstört und viele Israeliten befanden sich im babylonischen Exil. Israel hatte also den absoluten Nullpunkt erlebt; die Grundlagen des alltäglichen, aber auch vor allem des religiösen Lebens waren untergegangen. Vor aller Augen lagen die Folgen des Destruktiven, des Kaputten und Ungesunden, die Folgen einer gestörten Gottesbeziehung. Gestört, aber nicht zerstört.

Jesaja weiß: Gott wird sein Volk erneut retten. Wie einst aus Ägypten, jetzt aus Babylon. Aber während es damals ein reiner Akt des Erbarmens Gottes mit einem leidenden, versklavten Volk war, so tritt nun zum Erbarmen die Zusage der Vergebung hinzu: „Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.„ (V. 25)

Gott tilgt, löscht aus: deine Sünden und meine Sünden. Darum sind wir eingeladen, alles Destruktive und Ungesunde hinter uns zu lassen und miteinander konstruktive und gesunde Beziehungen zu führen: „Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf.„ (V. 19) Auch auf diesen Zuspruch können wir vertrauen.

Wir leben, weil uns Erbarmen widerfahren und weil uns vergeben ist. Damit haben wir guten und festen Grund, um gemeinsam zu wachsen: in unserer Beziehung zu Gott – und im geschwisterlichen, vergebungsbereiten Miteinander.

Alexander Rappe


© Advent-Verlag Lüneburg


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