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WIE ALT IST DER MENSCH?
 

Den folgenden Artikel habe ich der Online-Ausgabe des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel am 17.08.2004 entnommen.
 
 
ANTHROPOLOGIE

"Die Regeln mache ich"

Gestohlene Knochen von Urmenschen, absurd falsch datierte Skelette und Schädel - steht den deutschen Steinzeitforschern ein einmaliger Skandal ins Haus? Im Zentrum steht ein schillernder Anthropologieprofessor der Frankfurter Universität. Die Kripo ermittelt.

Reiner Protsch von Zieten, 65, ist ein schneidiger Mann. Im feinen Zweireiher, zuweilen auch mit kariertem Holzfällerhemd, links am Arm die Breitling-Uhr und den goldenen Siegelring, fährt der Professor im Porsche ins Institut der Anthropologie und Humangenetik in Frankfurt am Main.

Daheim in seiner Villa lebt der Forscher preußisch gediegen. Hauspersonal pflegt die weitläufigen Flure, in denen der Chef zuweilen zu Empfängen lädt. Er kenne den georgischen Außenminister, erklärt er gern Freunden; zudem coache er eine Baseballmannschaft.


 

Gern schmückt sich der sportive Akademiker ("Ich schaffe 100 Liegestütze") auch mit seinem berühmten Lehrmeister: dem 1980 verstorbenen US-Nobelpreisträger Willard Libby, Erfinder der Kohlenstoff-Datierung ("C-14-Methode"). Er selbst gibt vor, Nachfahr des Husarengenerals Hans Joachim von Zieten (1699 bis 1786) zu sein, der gern mit Zobelmütze und Tigerdecke über der Schulter unversehens aus buschigem Hinterhalt angriff.


 
 

Eine Traumkarriere - die allerdings Risse zeigt. Der "Professor Dr. Dr. rer. nat.", wie er sich im Internet nennt, Fachmann für "Primatenentstehung und -verhalten, Physische Anthropologie, somatologische und osteologische Analysen" sowie 30 weitere Spezialthemen, hat bei seinem zweiten Doktortitel gemogelt. Schon im Februar 2000 verurteilte ihn das Amtsgericht Frankfurt deshalb zu 27 000 Mark Strafe.

Das ficht den Liebhaber dicker Havannas nicht an. Wenn Protsch kommt, machen andere Platz. Einen "Energiebolzen" nennt ihn sein Fachkollege, der Anthropologe Winfried Henke aus Mainz. Seine Zigarren pafft der Institutschef auch im Uni-Fahrstuhl und kratzt die Rauchverbotsschilder ab. Sein Lebensmotto: "Die Regeln mache ich."

Kaum ein Gebein, um das sich der alerte Mann nicht wortreich kümmerte. Mal sucht er in Südafrika nach Fossilien, mal talkt er im TV über den penisverspeisenden Kannibalen Armin Meiwes.

Und nun das: Der altgediente Universitätsgelehrte darf sein Büro nicht mehr betreten: Hausverbot. Ihm wurde der Schlüssel entzogen und Strafanzeige gestellt. Sein Labor in der Siesmayerstraße ist versiegelt. Die Kriminalpolizei ermittelt.

Ein Verdacht lastet auf dem Nachfahr des Reitergenerals. Er habe 280 institutseigene Schimpansenschädel in den USA verhökern wollen - für 70 000 Dollar, so der Vorwurf. Zeugen gaben bei der Kripo an, die alten Hochschul-Inventarnummern seien überklebt worden.

Neider würden ihn "mobben", entrüstet sich der Beschuldigte; er habe die Primaten von einem Heidelberger Arzt und Ethnologen erworben: "Ich besitze einen Original-Kaufvertrag von 1975."

Doch der Streit um die Schimpansen ist nur eine Marginalie. Die Causa Protsch könnte sich zu einer Katastrophe für die Wissenschaft auswachsen. Auf einen ganzen Forschungszweig fällt derzeit ein Schatten. Die deutsche Paläoanthropologie, so die Befürchtung, wurde womöglich von einem Hallodri genarrt und in die Irre geführt.

Seit 1973 leitet der Gelehrte mit dem grauen Schnauzbart das Frankfurter C-14-Datierungslabor. Zahlreiche berühmte Fossilien hat er untersucht. Der Professor prüfte den 600 000 Jahre alten Unterkiefer des Homo heidelbergensis, er taxierte Neandertaler und bestimmte das Alter von ersten modernen Menschen aus Europa.

Blickte der Akademiker dabei in sein C-14-Zählrohr, als wäre es eine Wahrsagerkugel? Ganze Halden an prähistorischen Knochen wurden von ihm offenbar in die falschen Jahrtausende eingetütet.

Wie groß das Ausmaß an Fehldatierungen ist, haben jetzt der Greifswalder Archäologe Thomas Terberger und sein Kollege Martin Street vom Forschungsbereich Altsteinzeit in Neuwied aufgedeckt. Das Duo klapperte deutsche Museen ab, in denen Skelette liegen, die angeblich aus dem Jungpaläolithikum (40 000 bis 10 000 Jahre vor heute) stammen - jener spannenden Phase in der Menschheitsgeschichte, als der Neandertaler ausstarb und der schlanke Homo sapiens Deutschland besiedelte.


 

Aber sind die Skelette wirklich so alt? Klarheit sollte her - mit modernster Analysetechnik. Also rammten die Forscher Bohrköpfe in die bräunlichen Gebeine. Der so gewonnene Knochenstaub ging an das C-14-Labor in Oxford.

Die Ergebnisse sind ernüchternd. Viele der Kiefer, Zähne und Gebeine sind in Wahrheit weit jünger als bislang gedacht. "Von den wenigen jungpaläolithischen Menschenresten brechen immer mehr weg", erklärt Terberger.


 
 

Bei ihren Recherchen fiel den Fahndern immer wieder der Name Protsch auf. Nun machen sie ihn für "absurde" Fehler verantwortlich. Beispiele:Der berühmte "Neandertaler von Hahnöfersand" lebte laut Protsch vor 36 300 Jahren. Echtes Alter: 7500 Jahre.Die Frau von Binshof-Speyer, ein Kalvarium mit ungewöhnlich guten Zähnen, datierte der Professor auf 21 300 Jahre. In Wahrheit lebte das Mütterchen um etwa 1300 vor Christus.Der Schädel von Paderborn-Sande, genannt "der älteste Westfale" (Protsch-Datierung: "27 400 Jahre plus/minus 600 Jahre"), gehörte einem Opa aus dem Rokoko, der um 1750 starb. "Ich bin enttäuscht", gesteht Barbara Rüschoff-Thale, Leiterin des archäologischen Museums in Herne, das im Besitz des vermeintlichen Ur-Westfalen ist. Der Schädel sei 1976 von einem Bagger hochgespült worden, "angeblich aus 13 Meter Tiefe".

Nach dem Zahlenschock ließ das Museum in eigener Regie noch eine Analyse am Isotopenlabor in Groningen durchführen. Sie bestätigte das neue Ergebnis: "Als wir den Knochen aufschnitten, stank er noch", erzählt Rüschoff-Thale entgeistert.

Protsch hält dagegen: "Die neuen Akzeleratordaten aus Oxford sind alle falsch", erklärte er vorigen Freitag gegenüber dem SPIEGEL. Die Briten hätten die Knochenproben nicht vom Schellack gereinigt und so die Resultate verjüngt.


 

Doch das ist wenig plausibel: Das englische Labor zählt zu den besten der Welt und führt standardmäßig ein Reinigungsverfahren durch, um eine Kontamination mit Fremdstoffen auszuschalten.

Was also ist da passiert? Wieso unterliefen dem Gelehrten solche Schnitzer?


 
 

Schluderei allein, urteilen Terberger und Street, könne das "Datierungsdesaster" nicht verursacht haben. Die Abweichungen seien "so gravierend, dass singuläre Anlagenprobleme/Fehlmessungen als Erklärung ausscheiden".

Also Schwindel? Oder kam der Akademiker mit dem Messgerät nicht klar? Die C-14-Apparatur im Institutskeller sei "nicht dauerhaft" genutzt worden, schreibt Terberger. Und der Anthropologe Henke lästert: "Wenn Protsch datierte, war das wie Schäfchenzählen."
In der Fred-Feuerstein-Zunft herrscht nun Verwirrung. Noch ist nicht klar, wie groß der Sumpf und die Anzahl verunglückter Messungen sind, die der Professor in seinem langen Berufsleben vorlegte. Auch bei Schädeln aus Tansania und Südafrika lag der Gelehrte komplett daneben. Ein Insider behauptet: "Der hat hundertfach im Labor phantasiert."

Bereits im Jahr 1984 las der Prähistoriker Michael Mehlman dem Frankfurter Institutschef die Leviten. Er legte im "Journal of Human Evolution" einen 14-seitigen Bericht vor, der Protsch von Verdrehung von Fakten bis zur Schludrigkeit alle erdenklichen Fahrlässigkeiten vorwarf.

Dabei hatte alles so glänzend angefangen. Mit Chuzpe gelang dem Anthropologen ein flotter Aufstieg. Anfang der siebziger Jahre lernte der Deutsche an der University of California in Los Angeles im Kreis der Allerbesten.


 

Als die Universität Frankfurt einen neuen Anthropologen suchte, kam ihr der dynamische Protsch gerade recht. Als Mann von Welt, der den Pazifik hatte rauschen hören und die Creme der amerikanischen Scientific Community kenne, so stellte sich der frisch gebackene Doktor vor - und erhielt den Job.

Hemdsärmelig und amerikanisch locker, dazu mit markanter Stimme, entwickelte der Professor auf dem Campus schnell seinen eigenen Führungsstil. Henke: "Er war ein großer Lausbub."


 
 


In den siebziger Jahren reisten Henke und Protsch im Geländewagen in die DDR. Sie wollten die Homo-erectus-Fundstelle von Bilzingsleben in Thüringen besuchen. Hinweise seines Mitfahrers, es wäre besser, vom Gas zu gehen, kommentierte Protsch mit dem Hinweis: "Lass mal, die Vopos sitzen hier noch mit der Stoppuhr in den Bäumen." Kurz danach saß er in einer Radarkontrolle und zahlte 500 Mark.

In Thüringen angekommen, machte der Westforscher so viel Dampf, dass ihm die Ost-Gelehrten Fossil-Abgüsse des Menschen von Bilzingsleben leihweise überließen. "Kaum zu Hause machte er heimlich Kopien und brachte sie in Umlauf", erzählt Henke: "In der DDR war er daraufhin eine Persona non grata."

Halb Münchhausen, halb Akademiker-Star - gegen das schillernde Leben des Reiner Protsch von Zieten, der mit einer blaublütigen Oralchirurgin verheiratet ist, wirkt die deutsche Akademikerwelt wie eine Truppe von Grottenolmen.

Die Folge: Immer wieder gab es Ärger. In den achtziger Jahren besuchte ein tansanischer Student das Institut. Im Gepäck hatte der junge Mann das berühmte Erectus-Fragment O.H.9 aus Ostafrika. Als sich die beiden zerstritten, wollte der Chef die Pretiose nicht mehr rausrücken. Erst ein Machtwort des Hochschulkanzlers zwang ihn zum Einlenken.

Vor allem aber mit seinem C-14-Gerät stand der Forscher offenbar auf Kriegsfuß. Gleichwohl riss sich Protsch um die Analyse der edelsten und spannendsten Menschenfunde. 1980 untersuchte der Professor den Neandertaler von Hahnöfersand. Als einige Kollegen immer noch zweifelten, schob der Kohlenstoff-Akrobat eine Messung nach, die angeblich seine Freunde aus Kalifornien gemacht hatten. Auch die lag bei über 35 000 Jahren.

Staunen ergriff damals die Zunft. Nie zuvor war so weit nördlich ein Neandertaler entdeckt worden. Das Hamburger Helms-Museum jubelte und lockte Abertausende Besucher an. Plakate zeigen den vermeintlich "ältesten Hamburger" als plattnasigen Kraftschrat.

Nun herrscht Katerstimmung. "Hahni", wie manche ihn nennen, war kein diluvialer Urkerl, sondern ein moderner Mensch, der vor 7500 Jahren hart an der Grenze zur Ackerbaukultur an der Elbe Enten jagte. "We were not amused", meint der verantwortliche Museumsmann Ralf Busch.

Auch der Anthropologe Günter Bräuer machte vorige Woche ein langes Gesicht. In gelehrten Aufsätzen hat er das Fossil als robusten Mischling zwischen Neandertaler und Homo sapiens gedeutet. Für ihn war Hahni das zentrale Beweisstück in seiner "Hybridtheorie", die besagt, dass die beiden Menschenarten Sex miteinander hatten. Sein Kommentar: "Schade, da hab ich mich vertan."

Welche Blamage! Doch Bräuer entschuldigt sich: "Protsch kam von der Universität Kalifornien, aus der Schmiede der Könner." Zudem sei sein Institut "mit Geld überschüttet" worden.

Doch in Wahrheit kursierten schon seit langem Gerüchte über den Professor. Henke gibt offen zu: "Protschern wurde zum Synonym für hinbiegen."

"Der Mann hat Daten gefälscht", sagt auch Ex-Mitarbeiter Bernhard Weninger, der jetzt das C-14-Labor am Kölner Institut für Vor- und Frühgeschichte leitet. "Ende der achtziger Jahre untersuchten wir ein Massengrab aus der Bandkeramik", erzählt er. Weil die aufwendige Messreihe dem Chef zu lange dauerte, habe der sich einfach ein plausibles Alter ausgedacht und an die Archäologen weitergereicht. Weninger: "Dieses Tricksen nannten wir 'mentale Datierung'."

Auf diese Weise sei auch der Bischof von Limburg abgespeist worden, so Weninger. "Wir sollten um 1989 den Korpus eines Heiligen untersuchen", erzählt er. Er selbst habe sich an die Altersbestimmung der Mumie gemacht. Kurz danach lud Protsch den Bischof ins Institut ein und nannte forsch die Resultate. "Dabei war ich mit der Messung noch gar nicht fertig."

Wütend schrieb der wissenschaftliche Mitarbeiter daraufhin einen vierseitigen Beschwerdebrief an den Dekan der Universität. Doch der ließ den Professor weiter gewähren.

Protsch hält die Anschuldigungen ohnehin für eine "Intrige". Er besteht darauf, dass bei ihm stets alles mit rechten Dingen zugegangen sei. "Leider haben die Archäologen und die meisten Anthropologen nie Chemie und Physik studiert und können deshalb kein Urteil über Datierungen abgeben", so Protsch gegenüber dem SPIEGEL. Eines allerdings räumt er ein: "Fehlmessungen gibt es in allen Laboren."

Bei ihm kam noch der Ärger dazu. Immer wieder verließen Doktoranden sein Institut im Groll. Über kurz oder lang rasselten Jungakademiker mit dem Chef zusammen.

Auch der jetzige Doktorand ist über seinen Job nicht mehr glücklich. Er sitzt seit gut zwei Jahren an einem Berg von Knochenresten, die von drei bis vier Individuen stammen und vom Koblenzer Landesamt für Denkmalpflege nahe eines erloschenen Vulkans in der Osteifel entdeckt wurden. Protsch zufolge sind sie 27 000 Jahre alt.

Daran mag in Frankfurt nun keiner mehr glauben. Das Material befindet sich derzeit im C-14-Labor von Kiel und wird überprüft. Einer der Zähne hat einen Kariesbefall. Schon das muss stutzig machen: Bei den Naturburschen aus der Eiszeit, die keinen Zucker kannten, war diese Plage selten.

Angesichts der vielen Verdachtsmomente drängen die Experten nun auch auf eine neue Analyse der "Dame von Kelsterbach". Es ist eines der Schlüsselfossilien der deutschen Steinzeitkunde.

Bereits 1952 war der Totenkopf in einer hessischen Kiesgrube entdeckt worden. Protsch datierte ihn unter der Labornummer Fra-5 auf ein Alter von 31 200 Jahre.

Wieder mal, so schien es, hielt der Mann einen Rekordknochen in der Hand. Das Gebein, meldete er stolz im Fachblatt "Eiszeitalter und Gegenwart", sei "das älteste direkt datierte Hominidenfossil Europas". Weil das Spür-Duo Terberger und Street Zweifel hegte, baten sie ihn um eine Probe. Doch Protsch weigerte sich.

Die Universitätsleitung versuchte es jetzt mit Gewalt. In Anwesenheit der Rechtsabteilung brach der Hausmeister den grünen Panzerschrank auf, in dem der Institutsleiter die Fossilien lagert.

Die Überraschung: Der Schrank war halb geplündert. Der Schädel von Kelsterbach ist verschwunden.

MATTHIAS SCHULZ


Teich Siloah entdeckt | Bayreuth 02.10.2004